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Die
ehemalige Stiftskirche St. Juliana in Mosbach - die katholische Seite
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Geschichtlicher Überblick - von
Dr. Almut Rumstadt

Wenn heute zum
katholischen Gottesdienst in St. Juliana die evangelischen Glocken der
Stiftskirche läuten, so ist das für die Mosbacher Bevölkerung Alltag.
Doch die Kirche am Mosbacher Marktplatz in der Innenstadt wurde erst durch
die Reformation in der Kurpfalz 1564 ihrer ursprünglichen Funktion als
kath. Stiftskirche enthoben und 1708 durch einen "Mauerbau", der
den katholischen Teil vom evangelischen Teil der Kirche trennte, in ihre
heutige Form mit zwei Konfessionen unter einem Dach gebracht.
Die Anfänge dieser
Kirche gehen wohl auf eine in karolingischer Zeit entstandene Mönchssiedlung
zurück, die zur Keimzelle der späteren Stadt wurde. Die früheste
schriftliche Erwähnung verdankt das Kloster einem Eintrag in dem um 825
angelegten Gebetsverbrüderungsbuch der Abtei Reichenau. Doch zunächst
verschwand das Benediktinerkloster für rund 150 Jahre, ehe es im November
976 von Kaiser Otto II. dem Hochstift Worms übereignet wurde. Durch diese
Schenkung wurde Mosbach zu einem bischöflichen Eigenkloster, das um das
Jahr 1000 in ein Kollegiatsstift umgewandelt wurde. 1258 wurde der
Einfluss der Wormser auf das Stift durch den Würzburger Bischof beendet,
der sich das Recht zur Ernennung des Propstes sicherte. Das religiös-kirchliche
Leben des Stifts entwickelte sich rege, wenn auch in der Stadt noch eine
eigenständige, der hl. Cäcilia geweihte Pfarrkirche, existierte, die
1291 das erste Mal erwähnt wird.

Durch die Reformation
änderte sich dann alles. Mit Kurfürst Ottheinrich sorgte 1556 ein überzeugter
Anhänger des Luthertums für eine neue Kirchenordnung der Stiftskirche.
Entsprechend dem Prinzip cuius regio, eius religio (d.h., die
Konfession der Untertanen richtete sich nach dem Bekenntnis des
Herrschers) befahl er die Abschaffung des kath. Gottesdienstes. Da die
Stiftskirche für die Abhaltung des lutherischen Gottesdienstes
ausreichte, gab er die entbehrlich gewordene Cäcilienkirche zum Abbruch
frei. An ihrer Stelle trat das neue Rathaus, dessen unteres Turmgeschoss
bis heute an die einstige Pfarrkirche erinnert und der Stiftskirche gegenüber
liegt. Dort läutet noch immer eine "katholische" Glocke, die im
Jahr 1458 gegossen wurde und den Namen "Lumpenglöckle" trägt.
Sie läutet nach einer alten Tradition jeden Abend um 22.45 Uhr, damit
alle den Heimweg finden/antreten.
Friedrich III. hob
1564 das noch bestehende Kollegiatsstift definitiv auf. Erst 1622 kamen
wieder Patres nach Mosbach und bemühten sich um eine geregelte
Pfarrseelsorge – doch eine Wiederbelebung des Chorherrenstifts stand
nicht zur Diskussion. Die konfessionellen Konflikte dauerten an – mit
jedem neuen Kurfürst tauchte erneut die Frage auf, welche Religion wo
ausgeübt werden durfte.

Als 1698 eine
simultane Nutzung des Kirchenraums durch Protestanten und Katholiken
eingeführt wurde, sorgte dies für Unmut. Kurfürst Wilhelm verfügte am
30.05.1706, dass die Katholiken den Chor nutzen durften und den
Protestanten das Kirchenschiff zugesprochen wurde. 1708 wurde eine
Trennmauer auf dem Lettner errichtet, so dass der protestantische vom
katholischen Teil definitiv seit dieser Zeit getrennt ist und ein neuer
kath. Eingang notwendig wurde.
Da sich die Zahl der
Katholiken in Mosbach im Laufe der Zeit vergrößerte, konnte auch der Bau
einer zwei etagigen Empore in den Kirchenraum hinein nicht langfristig
alle Feiernden aufnehmen. So wurde 1935 die neue Pfarrkirche St. Cäcilia
vollendet, zu deren Filialkirche St. Juliana bestellt wurde. Trotzdem
wurde der Chor in St. Juliana behalten – spiegelt sich in ihm und in der
Trennung der Kirche doch deutlich die Geschichte des Mosbacher Glaubens
wider. Die vor über 300 Jahren errichtete Trennwand zwischen Katholiken
und Protestanten ist heute ein Denkmal kurpfälzischer Vergangenheit,
zugleich aber auch die dauernde Mahnung, aus dem konfessionellen
Gegeneinander ein christliches Miteinander werden zu lassen.

Zur Baugestalt der Kirche

Über die genaue Lage
und das Aussehen der ältesten Stiftskirche fehlt jegliche Information.
Das gotische Gotteshaus, wie es sich heute präsentiert, war einst
ringsum, selbst an der Seite zum Marktplatz hin, von Stiftsherrenhöfen
und Wirtschaftsgebäuden eng umschlossen. Die Kirche selbst wurde in
mehreren Bauphasen errichtet. Der hochaufragende Chor mit seinen
eindrucksvollen zwei- und dreibahnigen Maßwerkfenstern, die einst wohl
farbig verglast waren, dürfte um 1370 entstanden sein. Der Grundriß des
26 m langen und fast 10 m breiten Chores besteht aus vier querrechteckigen
Jochen, die nach Osten von einem aus fünf Seiten eines Achtecks
bestehenden, kreuzrippengewölbten Chorhaupt geschlossen werden. Die
beiden westlichen Joche werden von seitenschiffartigen Kapellen begleitet,
an die sich ein Turmpaar anschließen sollte. Hochgeführt wurde aber nur
der Südturm, der am Zugang zur Wendeltreppe die Jahreszahl 1410 trägt.
In Verlängerung des Chores wurde gegen 1390 – wohl unter Einbeziehung
älterer Bauteile – das dreischiffig basilikale Langhaus angefügt. In
diese Entstehungszeit weisen auch die spätgotischen Wandmalereien, die
1958 freigelegt wurden. Den Übergang vom Kirchenschiff zum Chor markierte
ein hoher, farblich gefasster Triumphbogen, der bei der jüngsten
Renovierung zum Vorschein kam. Unterhalb des Triumphbogens errichtete man
um 1500 den mit einer Maßwerkbrüstung versehenen Lettner. Außer dem als
Orgelempore im kath. Teil genutzten Lettner und der steinernen Kanzel von
1468, auf der zwei Engel das Schweißtuch der Veronika und das pfälzische
Wappen halten, ist die mittelalterliche Ausstattung der Stiftskirche
nahezu vollständig verloren. Erhalten sind nur noch eine Reihe wertvoller
Grabdenkmäler.
Der evangelische Teil
der Kirche (= Schiff) wurde ebenfalls mehrfach restauriert und es wurden
dabei u.a. Fresken mit Texten in deutscher Sprache freigelegt sowie
mittelalterliche Grabplatten (älteste von 1312) gefunden.
Beide Kirchen bieten
durch ihre Bestuhlung flexible Möglichkeiten, Gottesdienste zu feiern,
doch zeigen sich zwei völlig unterschiedliche Kirchenräume bei einer
Besichtigung.

Getrennte Räume – gemeinsam getragene
Aktionen

Zwei Konfessionen
unter einem Dach: Da kann es passieren, dass im evang. Teil der
Posaunenchor den Gottesdienst gestaltet und im kath. Teil zur gleichen
Zeit eine Orchestermesse gefeiert wird, so z.B. bei der Altarweihe in St.
Juliana 2003. Doch dies ist möglich, da die Trennwand zwischen den
Kirchen gut (Schall-)isoliert ist. Doch diese Isolierung bezieht sich
nicht auf das Miteinander der beiden Konfessionen.
Mit Beginn des neuen
Kirchenjahres 2003/2004 startete z.B. im kath. Teil der Kirche ein ökumenisch
getragenes Projekt: Um mitten am Tag für 10 Minuten inne zu halten,
gemeinsam Gott zu loben und im ökumenischen Miteinander eine Andacht zu
feiern, haben sich die Mitglieder des "ökumenischen Tischs"
(Treffen aller Hauptamtlichen beider Konfessionen) in Mosbach
zusammengetan und seit dieser Zeit findet täglich von 12.30 – 12.40 Uhr
die sog. "Mittags Pause" statt. Im Schnitt treffen sich hier bis
zu 15 Personen, die von Hauptberuflichen beider Konfessionen sowie
inzwischen auch durch einen Kreis Ehrenamtlicher bei der Andacht begleitet
werden.
Die Kirche ist am
Marktplatz, dem historischen und touristischen Zentrum der Stadt – Grund
genug, bei der Öffentlichkeit immer wieder mit gemeinsamen Aktionen für
die beiden Kirchen und gelingende Ökumene zu werben. So entwickeln die
Verantwortlichen im Moment mit der Stadt ein Konzept, wie die ökumenische
Aktion "Advent ist im Dezember" noch besser vor Ort umgesetzt
werden kann. Und es werden sicher noch weitere Ideen unter diesem einen
gemeinsamen Dach der ehemaligen Stiftskirche St. Juliana entstehen.

Dr.
Almut Rumstadt
Literaturhinweis:
Die ehemalige
Stiftskirche St. Juliana in Mosbach. Festschrift aus Anlass der
Renovierung des kath. Teils in den Jahren 2000 bis 2002. Hrsg:
Pfarrgemeinde St. Cäcilia in Mosbach, Mosbach 2002. (Bestellbar unter
Tel.: 06261-2423)
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